Der innere Dialog

Dialogische Offenheit versus monologische Sackgasse

Haben Sie sich schon dabei ertappt, einen Dialog mit sich selber zu führen? Nur keine Sorge, das ist kein Zeichen von Verrücktheit. Es ist ein normaler und wichtiger Prozess innerer Verarbeitung von Eindrücken, der Klärung bei Entscheidungen und des Ordnens von Erfahrungen. Er ist allerdings den wenigsten Menschen bewusst. Daher läuft der innere Dialog unkontrolliert und ziellos ab, mündet nicht selten in ein unfruchtbares Wiederkäuen immer derselben Gedanken, Überzeugungen und Befürchtungen, um in einer Art monologischer Sackgasse zu enden.

Dialog jedoch - auch jener im eigenen Innern -, lebt von der Begegnung von Unterschiedlichem, erfordert Beziehung und Austausch und erfüllt sich in wechselseitigem Mitteilen und Zuhören, was man als dialogische Offenheit bezeichnen kann. Diese Offenheit - Bedingungen und Chance des inneren Dialogs - wird zum kreativen Raum, in dem sich das Wunder der inneren Kommunikation entfalten kann. Diese schafft Bewusstheit, ordnet psychische Energien, entlädt gestaute Emotionen, hilft nachhaltige Entscheidungen zu treffen, bringt Klarheit hinsichtlich echter Bedürfnisse oder kompensatorischer Wünsche, erleichtert den Kontakt zur eigenen Lebensabsicht.

Eine Person - viele Dialogpartner

Psychosynthese betrachtet den Menschen als ein Ganzes mit vielen Teilen. Elemente dieser Vielheit und Ganzheit sind zum einen die Teilpersönlichkeiten. Dann gibt es einen Bereich, der bewusst ist, nämlich das Bewusstseinsfeld, und einen weit grösseren Bereich, der unbewusst ist. Ferner kann man die verschiedenen Ebenen des Unbewussten in ein unteres, mittleres und höheres unterteilen. Dann kann man den Bereich der Gefühle, der Gedanken und des Körpers unterscheiden. Mit einer gewissen psychischen Reife kommt das Ich als übergeordnete und koordinierende Instanz ins Spiel, und darüber hinaus kann man das Selbst gewahren, das wohlwollend alles einschliesst, verbindet, durchwirkt und übersteigt. In dieser dynamischen Ganzheit ist alles auf natürliche Weise miteinander verbunden und eins, auch wenn wir für ein klareres Verständnis diese verschiedenen Teile differenzieren können.

In der Arbeit mit Psychosynthese kann grundsätzlich zwischen all diesen Teilen, Ebenen, Bereichen und Instanzen ein innerer Dialog stattfinden. Die wichtigsten Ingredienzen, damit er fruchtbar ist, sind Bewusstheit und Intention sowie Neugierde und Unvoreingenommenheit.

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Im Raum der Imagination

Das Instrument für den inneren Dialog ist die Intuition. Sie ist eine geistige Funktion, durch die man unmittelbar die Wirklichkeit erfasst und Einsichten gewinnt ohne Zutun des analytischen und deduktiven Denken. Der Ort des inneren Dialogs ist im Raum der Imagination.

Nach einer Vorbereitung, zu der körperliche Entspannung und Ausrichtung auf die eigene innere Welt gehört, lässt man den gewählten Gesprächspartner vor dem geistigen Auge erscheinen. Wie man das macht, ist sehr individuell und hängt von der jeweiligen Veranlagung ab. Visuelle Menschen sehen vielleicht sehr lebhafte Bilder und bekommen optische Botschaften, während eher auditive Typen mehr wörtliche Botschaften erhalten oder gar gesprochene Worte „hören“. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, wichtig ist einzig, der eigenen inneren Weisheit zu folgen.

 

Damit sich der innere Dialog frei entfalten kann, ist es hilfreich, der eigenen Wahrnehmung und der subjektiven Erfahrung zu vertrauen. Dann muss man die Bereitschaft haben, die Zensur der „normalen“ Vernunft zunächst auszuschalten und sich dem inneren Geschehen zu überlassen. Danach, in der Phase der Verarbeitung der Erfahrung, bekommt die Vernunft wieder ihren Platz, um den inneren Dialog zu reflektieren und zu interpretieren.

Das Unbewusste ist ein Wunderland voller Geheimnisse, verborgener Schätze, manchmal mysteriös, erschreckend oder überraschend, jedoch immer verlässlich. Für die Psychosynthese ist das Unbewusste - das untere wie das obere - ein äusserst wichtiger Partner im Prozess der Selbsterforschung und Selbstverwirklichung. Daher ist es erstrebenswert, zu ihm ein Vertrauensverhältnis und eine wohl funktionierende Kommunikation zu etablieren. Dazu leistet der innere Dialog einen wertvollen Beitrag. Er wirkt am Übergang zwischen dem Bewusstseinsfeld und dem Bereich des Unbewussten, verfeinert die Durchlässigkeit und fördert den Austausch zwischen beiden Bereichen.

Die Art, wie uns die Botschaften aus dem Unbewussten zukommen, kann unterschiedlich sein. Im besten Fall kommen die Mitteilungen gleich während des Dialogs selbst. Es kann aber auch geschehen, dass während des Dialogs die Antworten verschwommen bleiben oder nicht auftauchen. Geduld ist dann angesagt. Manchmal lässt sich das Unbewusste etwas mehr Zeit, bis es einem ein paar Stunden oder Tage später seine Botschaft in Form von Bildern, Eingebungen, „Zufällen“, oder Träumen zukommen lässt. Mit etwas Übung und Praxis können wir alle lernen, die Hinweise des Unbewussten zu lesen und seine Botschaften zu hören.

Möglichkeiten und Beispiele

In der Arbeit mit Teilpersönlichkeiten kann es dienlich sein, zwei widerstreitende Stimmen miteinander ins Gespräch zu bringen, um innere Spannungen beizulegen und Wege der Kooperation auszuloten. Sind die Positionen sehr verhärtet, ist es - wie im Alltagsleben auch - empfehlenswert, eine Mediatorin einzuschalten. Im inneren Dialog ist das die Funktion des Ichs mit seiner wohlwollenden Neutralität und unbeirrten Klarheit.

 

Bilder und Symbole aus dem Unbewussten eignen sich ebenfalls als innere Dialogpartner. Erscheint in einem Traumbild zum Beispiel ein Monster oder ein Fabelwesen oder ein Tier, so kann ein Dialog mit diesem Wesen mehr Klarheit bringen über dessen Bedeutung und Botschaft in der eigenen Lebenssituation.

 

Häufig leiden wir unter körperlichen Verspannungen und Schmerzen, deren Ursache auch nach ärztlicher Abklärung unklar oder nach entsprechender Behandlung bestehen bleibt.  Mit dem heutigen Wissen über die psychosomatischen Zusammenhänge ist es durchaus angemessen, den Zugang zum Körperbewusstsein über den inneren Dialog zu suchen. In diesem Sinne können wir sowohl mit dem Körper als Ganzem, als auch mit einem spezifischen Teil des Körpers ein Gespräch führen und dabei erstaunliches erfahren.

 

Jede und jeder von uns hat eine Quelle der Weisheit in sich, die weiss, wer wir im Grunde sind, was wir wirklich wollen, wie wir erfüllt und zufrieden sein können. Diese innere Instanz steht uns zur Verfügung, wenn wir Orientierung für den nächsten Schritt in unserem Leben suchen oder Einsicht brauchen um anstehende Probleme zu lösen. Eines der passendsten Bilder für diese Quelle der Weisheit ist die weise Person. Als archetypisches Symbol repräsentiert sie bedingungslose Liebe, zugewandtes Wohlwollen und Weisheit. Wenn wir mit ihr in Beziehung treten und mit ihr einen inneren Dialog führen, kommen neue Energien ins Fliessen, werden Grenzen erweitert, neue Perspektiven eröffnet und Zusammenhänge erkennbar. 

 

Gönnen Sie sich mit der folgenden Übung eine Begegnung mit Ihrem besten Gesprächspartner

Dialog mit der weisen PersonCatherine Brunner Dubey
00:00 / 08:55

Variante

Als Variante kann der innere Dialog auch in schriftlicher Form stattfinden. Mit Schreibstift und Papier oder Tagebuch ausgerüstet lässt man das Gespräch schriftlich entstehen. Zum Beispiel beginnt man mit einer Frage an den gewählten Gesprächspartner. Dann versetzt man sich in der Vorstellung absichtsvoll in den Gesprächspartner. Wenn die Identifikation steht, geht man in eine rezeptive Haltung und lässt das Antworten geschehen. So kann das Gespräch schriftlich auf dem Papier hin- und hergehen, bis der Dialog abgerundet ist.

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