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Das Ei-Diagramm

Die "Landkarte"

Ei-Diagramm "Landkarte" des Bewusstseins

Das Ei-Diagramm stellt eine "Landkarte" des Bewusstseins dar. Sie ist eine Beschreibung der verschiedenen Ebenen und Qualitäten des menschlichen Bewusstseins. Auch wenn wir das Bewusstsein auf diese Art in verschiedene Bereiche unterteilen, dürfen wir sie doch nicht als voneinander getrennt verstehen. Dies wird im Diagramm durch die gestrichelten Linien deutlich gemacht. Diese stellen keine festen Grenzen dar, sondern werden als mehr oder weniger durchlässige Membran verstanden.

 

Diese graphische Darstellung ist eine wertvolle Hilfe zum besseren Verständnis von inneren Abläufen und Dynamiken. Sie kann jedoch die persönliche Erfahrung nicht ersetzten. Daher finden Sie in den folgenden Erläuterungen zu diesem Diagramm neben dem Bild eine Kurzinformation zum jeweiligen Bereich.  Ausserdem steht jeweils eine Audiodatei für eine geführte Anleitung zur Erfahrung der entsprechenden Ebene oder Qualität des Bewusstseins zur Verfügung.

 

Das untere Unbewusste

Ei-Diagramm Unteres Unbewusstes

Das untere Unbewusste ist der älteste und ursprünglichste Teil des persönlichen Bewusstseins. Wie sein Name sagt, ist er zunächst unbewusst, d.h. im alltäglichen Wachbewusstsein nicht zugänglich. Das heisst nicht, dass er inaktiv ist. Zwanghafte oder triebhafte Impulse und instinktive Reaktionen haben da ihren Ursprung. Von hier aus werden auch elementare physiologische Funktionen mitgesteuert. Im unteren Unbewussten ist unsere persönliche Vergangenheit „archiviert“, besonders die traumatischen und unverarbeiteten Erfahrungen. Das untere Unbewusste macht sich bemerkbar, wenn wir Albträume haben, oder übernimmt gelegentlich die Führung, wenn wir ungewollt reagieren und unkontrolliert handeln. In einem erwachsenen Reifeprozess gehört es dazu, einen gewissen Grad an Vertrautheit und Umgang mit diesem Bereich zu erwerben, seine Energien kennenzulernen und fähig werden sie zu steuern.

 

Das mittlere Unbewusste

Die Ebene des mittleren Unbewussten ist zeitlich der Gegenwart zugeordnet.  Es setzt sich aus ähnlichen Elementen und Inhalte zusammen wie das Wachbewusstsein und umfasst all das, was uns nicht unmittelbar bewusst ist, womit wir aber jederzeit in Kontakt treten können, wenn wir wollen oder dazu angestossen werden. Dazu gehören zum Beispiel abrufbare Dinge wie das eigene Geburtsdatum, das Mittagessen vom Vortag oder die Telefonnummer einer nahestehenden Person.

Das mittlere Unbewusste erfüllt auch die Aufgabe der Vorbereitung und Nachbearbeitung der von Moment zu Moment vorbeiziehenden Bewusstseinsinhalte. Es ist der Ort, wo einerseits gemachte Erfahrungen verarbeitet und psychologisch verdaut werden und wo andererseits vorbewusste Inhalte „ausgebrütet“ werden, bis sie im Bewusstseinsfeld auftauchen.

Ei-Diagramm Mittleres Unbewusstes
 

Das Bewusstseinsfeld

Ei-Diagramm Bewusstseinsfeld

Im Zentrum des mittleren Unbewussten steht jener Bereich, der bewusst ist - das Bewusstseinsfeld. Das Bewusstseinsfeld besteht aus all dem, was jetzt in unserem Gewahrsein präsent ist, was wir von Moment zu Moment bewusst wahrnehmen. Dazu gehört das, was wir über unsere Sinne bewusst wahrnehmen, nämlich Geräusche, Bilder, Empfindungen, Gerüche und Geschmäcke sowie der stetige Fluss von Gedanken, Gefühlszuständen, inneren Bildern, Erinnerungen und Impulsen, welche wir beobachten können.

Eine Analogie: Man kann das Bewusstseinsfeld mit mit jenem Teil unserer „Lebensbühne“ vergleichen, der gerade von unserem Bewusstsein wie vom Lichtkegel eines Scheinwerfers beleuchtet und erhellt wird. 

 
 

Das Ich

Im Verständnis der Psychosynthese ist das Ich der Punkt reinen Selbstbewusstseins als Zentrum der Person. Wenn wir die oben benutzte Analogie der Lebensbühne mit dem Scheinwerfer als das Bewusstsein und dem Lichtkegel als Bewusstseinsfeld hier nochmals aufnehmen, entspricht das Ich dem Regisseur, der Szene für Szene bestimmt, auf welchen Teil der Bühne und auf welchen Akteur der Scheinwerfer gerichtet wird. Das Ich ist nicht ein Akteur auf der Bühne, bestimmt aber im optimalen Fall was auf der Bühne geschieht. Im Leben jedoch ist dieser optimale Fall nicht immer gegeben. Viel häufiger fühlen wir uns von den äusseren Ereignissen und verschiedenen inneren Regungen hin- und hergeworfen. Dies geschieht, weil wir unser Ich mit den oben beschriebenen Inhalten unseres Bewusstseins verwechseln. Wir identifizieren uns mit dem, was wir denken, fühlen oder wünschen, und lassen uns von den äusseren Eindrücken überrollen.

Ei-Diagramm: Das Ich

Wir können uns aber von alledem disidentifizieren und unser Ich als das erfahren, was es essenziell ist: reine Selbstbewusstheit, schlichtes Gewahrsein. Das Ich unterscheidet sich vom Körper und von den geistigen Prozessen. Es gewahrt die körperlichen und psychischen Abläufe während diese im Bewusstsein auftauchen und wieder verschwinden, und kann bei jeder Erfahrung gegenwärtig und unverändert bleiben. Das Ich ist jene bewusste Präsenz, welche den ständigen Fluss der verschiedenen Inhalte des Bewusstseins beobachten und lenken kann, denn es hat sowohl einen empfänglichen als auch einen dynamischen Aspekt. Es kann auf die Inhalte des Bewusstseins einwirken, indem es wählt, wohin die Aufmerksamkeit gelenkt wird und beeinflusst das Bewusstsein selber, indem es dessen Fokus erweitert oder verengt. Das Ich ist kein Gedanke, kein Konzept, kein psychologisches Konstrukt. Es ist eine lebendige Gewissheit, die wir am unverwechselbaren Empfinden von Zentriert-Sein erkennen. Um sich dessen zu vergewissern, bedarf es der sorgfältigen Introspektion und Selbstreflexion. 

 
 

Das Selbst

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Das Selbst repräsentiert jenen Aspekt unseres Seins und Bewusstseins, der am meisten wahr, authentisch und intim ist. Es ist ein Zentrum und unbegrenzter Raum des Gewahrseins in uns selbst, welcher eine gewisse psychologische Distanz von den körperlichen Empfindungen, Gefühlsregungen und vom Gedankenfluss aufweist. Das Selbst und das oben besprochene Ich sind eine Realität, die lediglich auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen wird. Dies wird im Diagramm mit der gestrichelten Verbindungslinie dargestellt. Das Selbst steht für die Essenz des Seins, jene höchste Realität und absolute Subjektivität, welche sich als Individuum in einem Ich manifestiert, jedoch weit darüber hinausweist und daher auch transpersonales oder höheres Selbst genannt wird. Man darf sich das Selbst nicht als ein Etwas vorstellen, noch ist es streng genommen eine Erfahrung - auch wenn es in besonderen Momenten wie eine Erfahrung im Bewusstsein aufleuchtet. 

Vielmehr ist es der Grund und Kontext, aus dem alle Erfahrungen aufsteigen und in dem sich die Erfahrungen manifestieren. Es ist von den Erfahrungen verschieden, doch nicht getrennt. Als solches stellt es eine stetige, unveränderliche Wirklichkeit dar, welche ein tiefes inneres Gefühl der Stabilität, der Entlastung und Freiheit vermittelt. Bevor man sich dieser höheren Quelle bewusst wird, scheint sie verschleiert zu sein. Ein zentrales Anliegen der Psychosynthese ist es, den Zugang zu dieser Quelle freizulegen und zu stabilisieren.

 

Das höhere Unbewusste

Das höhere Unbewusste - auch Überbewusste genannt - ist ein Strom psychischen Lebens, der vielfältig, dynamisch und wirkkräftig ist. Es ist ein Reservoir höherer Qualitäten und Werte, welches das latente und lebendige Potential des Menschen darstellt. Dazu gehören Intuitionen, kreative Inspirationen und Impulse zu heroischen Taten.

Staunen, Visionen, ekstatische Zustände und Erleuchtungserfahrungen haben hier ihren Ursprung; der Antrieb zur Selbstverwirklichung, die spirituelle Sehnsucht sowie das Bedürfnis, sich für etwas Grösseres einzusetzen, sind Ausdruck von dieser höheren Realität. Normalerweise ist dieser Bereich im geschäftigen Alltag weitgehend unbewusst. Ruhe, Konzentration und innere Sammlung sowie der Einsatz von geeigneten Techniken und Übungen begünstigen dass die Energien und Aktivitäten des höheren Unbewussten der Erfahrung zugänglich werden und ins Bewusstsein einströmen.

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Die Bedeutung dieses übergeordneten Bereichs der Erfahrung liegt in seinen regenerativen, inspirierenden und transformierenden Auswirkungen auf den Erfahrenden. 

 

Das kollektive Unbewusste

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Um das Feld der individuellen Psyche - dem Oval im Diagramm -  erstreckt sich das kollektive Unbewusste. Dieses weite Feld setzt sich zusammen aus dem psychischen Leben der Menschheit und umfasst sowohl archaische Elemente aus ihrer entwicklungsgeschichtlichen Vergangenheit, als auch die gegenwärtigen kollektiven Prozesse, bis hin zu ihrem innewohnenden evolutionären Potential. Das kollektive Unbewusste ist ein Meer von Gedanken, Erfahrungen und Bildern, Gefühlen, Stimmungen und Verhaltensmustern, welche nicht nur zu einem einzelnen Individuum gehören, sondern kollektiven Charakter haben. Über das kollektive Unbewusste steht der Einzelne in Verbindung mit grösseren Einheiten wie Familie, Nation, Kultur, Menschheit, alle Lebewesen und Kosmos.

Über diese Ebene kommunizieren wir mit Familienmustern, nationalen Prägungen, kulturellen Mythen oder den Archetypen der Menschheit. Wir alle haben, mehr oder weniger bewusst, Anteil an diesem gemeinsamen lebendigen Netzwerk von Erfahrungen, das sich in und durch uns fortsetzt. 

 
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