Die Teilpersönlichkeiten

 

Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?

Der erste Schritt einer Arbeit mit Psychosynthese ist das Erwerben eines gewissen Grads an Selbsterkenntnis und der Fähigkeit, sich in der eigenen inneren Welt vertrauensvoll und leichter zu bewegen.

Dazu muss man mit dem vielfältigen und geheimnisvollen Universum der Gefühle, Erinnerungen, Bilder, Empfindungen, Gedanken und Impulse in Beziehung treten.

Dazu gehört auch, dass wir mit jenen Aspekten in Berührung kommen, die wir ins Unbewusste verdrängt haben, weil sie zu schmerzlich waren  oder mit dem eigenen Selbstbild oder der gesellschaftlichen Norm unvereinbar waren.

Das Abenteuer der Selbsterkenntnis hält eine überraschende Entdeckung bereit: Wir sind gar keine einheitlichen, unveränderlichen Wesen. Wir sind eine Vielfalt, die sich aus verschiedenen Rollen, Verhaltensmustern, Ausdrucksweisen und Gefühlsnuancen zusammensetzt. Wir sind dynamische Wesen. 

Auch wenn der Mensch sich äusserlich als eine physische Einheit darstellt, besteht seine innere Welt aus verschiedenen Teilen, die sich manchmal harmonisch ergänzen, sich häufiger aber im Widerspruch oder Konflikt miteinander befinden. Die Psychosynthese bezeichnet diese verschiedenen Teile innerhalb der Persönlichkeit eines Menschen als Teilpersönlichkeiten.

Das Konzept der Vielfalt

Teilpersönlichkeiten sind teils bewusste, teils unbewusste kohärente Muster, die sich im Laufe des Lebens aufgrund von Erfahrungen und Verhaltensweisen entwickeln. Über die Teilpersönlichkeiten bringen wir uns in der Welt zum Ausdruck und wir erkennen sie am besten, wenn wir uns selber in den verschiedenen Situationen unseres Alltags betrachten. Bei der Arbeit zeigen wir uns zum Beispiel als rationelle, zielstrebige und eher distanzierte Person. Beim Treffen mit Freundinnen, ein paar Stunden später, blüht ein lebenslustiger fröhlicher und geselliger Teil auf. Und beim Besuch der kranken Mutter manifestiert sich plötzlich eine hilflose Seite mit Gefühlen von Schwere und Unsicherheit.

Jede Teilpersönlichkeit ist eine eigene kleine "Welt" mit ganz eigenem Lebensgefühl, Bedürfnis, Verhalten, Wertvorstellung und Qualität. Und diese können von einer Teilpersönlichkeit zur anderen - innerhalb derselben Person - sehr unterschiedlich, ja widersprüchlich oder manchmal gar unvereinbar sein. Darum ist es nicht verwunderlich, dass unsere innere Vielfalt nicht nur als wunderbare Bereicherung erfahren wird, sondern auch als Zerrissenheit und Herausforderung. Dabei ist das Problem nicht in erster Linie die Vielfalt an sich, vielmehr der Mangel an Kooperation zwischen den Teilen

Die Arbeit mit den Teilpersönlichkeiten.

Das Modell und die Arbeit mit den Teilpersönlichkeiten bringt Klarheit und Ordnung in die Wahrnehmung der eigenen inneren Vielfalt. Diese Arbeit erfolgt in fünf Schritten:

1) Erkennen

Um sich selber besser kennen zu lernen, ist es lohnenswert, eine Art Inventar der eigenen Teilpersönlichkeiten zu machen. Es gibt dazu verschiedene Techniken. Die einfachste ist, jeweils eine persönliche Eigenschaft zu identifizieren und dann die entsprechende Teilpersönlichkeit zu untersuchen: Wie fühlt sie sich, wann tritt sie auf die Lebensbühne, was denkt sie über die anderen und über sich selbst, wie spricht sie, wie bewegt sie sich usw. Wenn man sie auf diese Weise erkundet hat, kann man ihr einen passenden Namen geben. So verfährt man mit einer Eigenschaft nach der anderen, bis man eine Übersicht gewonnen hat.  

(diese Übung als Audio)

       

2) Akzeptieren 

Die Teilpersönlichkeiten zu kennen, bedeutet noch nicht, sie zu akzeptieren. Manch eine entpuppt sich im Prozess des Kennenlernens als unpassend im eigenen Selbstbild oder unvorteilhaft im sozialen Kontakt. Daher wäre man geneigt, unangenehme Teilpersönlichkeiten loszuwerden. Doch je mehr wir das versuchen, desto mehr machen sie sich bemerkbar. Wir können keine Teile von uns ausschalten, wir können sie nur transformieren, und das beginnt mit Akzeptanz. Durch das Akzeptieren unserer Teilpersönlichkeiten anerkennen wir unsere innere Realität, wie sie ist. Das ist der Ausgangspunkt für eine Transformation. Jede Teilpersönlichkeit ist Ausdruck eines lebenswichtigen Bedürfnisses, das erfüllt werden möchte. In dieser Phase tut man gut daran, sich jeweils einer Teilpersönlichkeit über einen längeren Zeitraum zuzuwenden.

3) Integrieren

Das Akzeptieren und ganz besonders die Integration der Teilpersönlichkeiten erfordern einfühlsame Präsenz und guten Willen. Denn nun geht es darum Wege zu finden, wie all diese Teilpersönlichkeiten mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Ausdrucksweisen miteinander im Dienste einer wohlintegrierten Gesamtpersönlichkeit kooperieren können. Dabei können wir entdecken, dass in uns, jenseits der Vielfalt, eine Bewusstheit zugänglich ist, welche die Prozesse zwischen den Teilpersönlichkeiten beobachten und moderieren kann. Diese essentielle Realität wird in der Psychosynthese das „Ich“ genannt. Es ist ein einigendes Bewusstseinszentrum, das sich grundlegend von den wechselhaften Formen und Inhalten der Teilpersönlichkeiten unterscheidet. Je mehr wir uns in diesem Zentrum einfinden und uns von den Teilpersönlichkeiten disidentifizieren können, sie objektiv betrachten lernen, desto leichter und spielerischer kann der Umgang mit ihnen werden. Im optimalen Fall ändert sich das innere Leben vom Drama zum Spiel. 

(eine Übung dazu)

4) Transformieren

Wie bei Menschen, so ist es auch bei den Teilpersönlichkeiten: Der erste Eindruck kann trügerisch sein. Solche, die zunächst negativ erscheinen, zum Beispiel  der "wütende Rebell", erweisen sich beim besseren Kennenlernen als wahre Kraftquelle. Andererseits kann sich die "freundliche Ja-Sagerin" als feige Strategie zur Vermeidung von Konflikten herausstellen. Die geduldige Arbeit mit den Teilpersönlichkeiten, durch die sie bejaht und kreativ integriert werden, gibt ihnen die Gelegenheit zu reifen und ihre Ausdrucksform zu transformieren. So kann die kostbare Qualität, die im Kern jeder Teilpersönlichkeit schlummert, als Bereicherung der gesamten Persönlichkeit erblühen. Konkret wird beispielsweise aus dem "wütenden Rebell" ein kraftvoller Verfechter der Rechte von gesellschaftlichen Minderheiten, und aus der "freundlichen Ja-Sagerin" wird eine selbstsichere Partnerin im privaten wie beruflichen Leben.

(eine Übung dazu)

5) Synthese

Die Synthese, das heisst das harmonische Zusammenspiel der verschiedene Elemente der Persönlichkeit, ist möglich, wenn die einzelnen Teilpersönlichkeiten zu einer effizienten Ausdrucksform gefunden haben und unter dem wohlwollenden Einfluss des Selbst konstruktiv miteinander agieren. So  versteht die Psychosynthese die hohe Kunst des Lebens.

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Die Einheit ist möglich.

Aber seien wir uns im Klaren, dass sie nicht der Ausgangspunkt ist, sie ist kein gratis Geschenk;

sie ist eine Errungenschaft,

der hohe Gewinn einer langen Arbeit;

einer mühevollen Arbeit, die jedoch grossartig, vielfältig, faszinierend und fruchtbar ist

- für uns selber und die Anderen - 

noch bevor sie abgeschlossen ist.

Roberto Assagioli

Übungen zu den Teilpersönlichkeiten

Übung: Erkenne deine Teilpersönlichkeiten

Diese Übung ist eine Anleitung, wie du deine Teilpersönlichkeiten erkennen und besser kennenlernen kannst.

Erkenne deine TeilpersönlichkeitenCatherine Brunner Dubey
00:00 / 08:17
 

Übung: Dynamik und Interaktion zwischen den Teilpersönlichkeiten

Wie schön wäre es, wenn unsere inneren Teilpersönlichkeiten miteinander statt gegeneinander wirken könnten, wenn sie sich ergänzen und zusammen kooperieren könnten!

Folgende Übung bereitet den Weg zu mehr innerer Harmonie und Ganzheit. 

Damit du die Übung gewinnbringend machen kannst, musst du schon einige deiner Teilpersönlichkeiten kennengelernt haben, zum Beispiel anhand der oberstehenden Übung.

Nimm ein Blatt Papier und Malkreiden. Auf deinem Blatt male einen mittelgroßen Kreis.

1. Entspanne deinen Körper und richte deine Aufmerksamkeit auf dein Innenleben. Nimm Kontakt auf mit einer deiner Teilpersönlichkeiten, die dir vertraut ist, die du magst und mit der du gut zurecht kommst.

Lass sie in dir entstehen. 

Beginne über diese Teilpersönlichkeit etwas nachzudenken. Komme in Kontakt mit dem, was sie zum Ausdruck bringt und wie sie es tut. 

Lass nun für diese Teilpersönlichkeit ein Symbol entstehen.

2. Wenn du dein Symbol klar und deutlich vor deinem inneren Auge siehst, male es in den Kreis.

3. Wiederhole diesen Schritt mit zwei weiteren Teilpersönlichkeiten, die du magst, und male ihre Symbole ebenfalls in den Kreis.

4. Gib jeder Teilpersönlichkeit einen Namen und schreibe ihn auf.

5. Nimm Kontakt auf mit einer deiner Teilpersönlichkeiten, die dir Mühe macht, die du nicht magst, die du gerne versteckst und/oder unterdrückst. Denke an eine Teilpersönlichkeit, von der du weißt, dass du sie hast, die du aber lieber nicht hättest. Lass sie in dir entstehen. Was tut sie? Wie ist sie? 

Lass jetzt auch für diese Teilpersönlichkeit ein Symbol entstehen und male es außerhalb des Kreises.

 

6. Wiederhole diesen Schritt mit zwei weiteren Teilpersönlichkeiten, die dir Mühe machen, und male auch deren Symbole außerhalb des Kreises.

 

7. Gib jeder Teilpersönlichkeit einen Namen und schreibe ihn auf.

8. Betrachte dein Blatt mit den Symbolen für deine Teilpersönlichkeiten und beginne dir der Dynamik zwischen ihnen bewusst zu werden. 

Male auf dem Blatt die Dynamik innerhalb und außerhalb des Kreises sowie die Interaktionen zwischen den einzelnen Teilpersönlichkeiten. 

Wie bringen sie sich ein? Welche hat am meisten Macht und Einfluss? Inwiefern behindern oder unterstützen sie sich gegenseitig? Zwischen welchen Teilpersönlichkeiten liegt am meisten Konfliktpotenzial? 

 

Schlüpfe in die Rolle des geschickten und wohlwollenden Mediators und überlege dir eine oder zwei Massnahmen, durch die du mehr Kooperation und Harmonie zwischen deine Teilpersönlichkeiten bringen kannst.

Diese Übung stammt aus dem Buch "Psychosynthese für die Praxis" von Catherine Brunner Dubey und Sascha Dönges

 
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