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Visualisierung

Stell dir vor...

… du bist auf einer grünen Wiese. Es ist ein herrlicher Sommermorgen. Die Luft ist klar und der Himmel über dir ist blau und offen. Das Gras auf der Wiese ist frisch und duftet nach saftigem Grün. Blumen blühen und werden von summenden Insekten umschwärmt. Ein sanfter Wind streicht über dein Gesicht. Du hast Zeit, alles um dich herum eingehend zu erfahren.

 

Wenn Sie jetzt dieser Einladung folgen und die kurze Bildsequenz vor Ihrem inneren Auge visualisieren und mit allen Sinnen erleben, dann können Sie bereits einen Vorgeschmack bekommen, was das Visualisieren von Bildern in uns bewirken kann. 

Anwendung

Die Grundlagen zur Technik des Visualisierens als therapeutische und pädagogische Methode wurden Mitte des 20. Jahrhundert von verschiedenen Psychotherapeuten wie Leuner, Kretschmer und Desoille entwickelt und erforscht. Assagioli war mit all diesen Ansätzen vertraut und hat die Visualisierung als Arbeitsmethode in die Psychosynthese integriert, wo sie auf vielfältige Weise zur Anwendung kommt. Sie kann helfen, unbewusste, schmerzhafte oder erschreckende Aspekte der eigenen Person, sogenannte Schattenseiten, kennenzulernen. Sie ermöglicht neue Verhaltensweisen in der Imagination, als einem relativ sicheren Rahmen, auszuprobieren und durch regelmässige visuelle Wiederholung einzuüben, bis sie sich im realen Leben manifestieren. Die Visualisierung erlaubt im Raum der Vorstellung und auf einer symbolischen Ebene, Impulse zuzulassen und Handlungen auszuführen, die in der Realität unzulässig oder unmöglich sind. Damit ermöglicht sie auch die kathartische Entladung emotionaler und psycho-physischer Spannungen und trägt dazu bei, seelische Verletzungen und Traumata behutsam zu erlösen.

 

Die Technik des Visualisierens gewinnt heute an Popularität, ja sie entwickelt sich zu einem regelrechten Trend. Viele Motivationstrainer, Sportcoaches und Lebensberaterinnen lehren und propagieren sie als schnellwirksames Tool, um persönliche Ziele zu erreichen oder Wünsche nach Erfolg, Geld und Liebe zu erfüllen. Bei richtiger Vorgehensweise ist mit dieser Methode zweifellos einiges zu erreichen.

 

Der Kontext und die Bandbreite, mit der Visualisierung in der Psychosynthese eingesetzt wird, ist jedoch viel umfassender. Im Fokus ihrer Anwendung stehen innere Regenerierung, authentische Selbstverwirklichung

sowie ganzheitliche Entwicklung auf der personalen und spirituellen Ebene.

Mit allen Sinnen

Die Technik der Visualisierung gewinnt mit einer angemessenen Vorbereitung und Einstimmungsphase an Qualität und Bedeutung. Eine bequeme Sitzhaltung einnehmen, die Augen schliessen, ein paar tiefe, langsame Atemzüge machen und den Körper entspannen, bereiten das Bewusstsein, welches sich so auf einen rezeptiven und kreativen Modus umstellt und die Durchlässigkeit zum Bereich des höheren und unteren Unbewussten begünstigt.

Die Visualisierung beginnt mit der Vorstellung innerlich gesehener Bilder und involviert dann das Erleben der anderen Sinne, wie das Hören, Riechen, Spüren, Fühlen und gelegentlich auch das Schmecken. So verbinden sich alle entsprechenden Eindrücke zu einer ganzheitlichen, lebendigen Erfahrung mit nachhaltig transformativer Wirkung. 

Ihre Anwendung umfasst die Arbeit mit vorgegebenen statischen Symbolen bis zu spontanen dynamischen Phantasiereisen je nach Phase und Absicht der inneren Arbeit.

Eine breite Palette an Möglichkeiten

Ein paar Beispiele:

  • In der Arbeit mit Teilpersönlichkeiten kann man die konflikthaften Interaktionen zwischen zwei gegensätzlichen Akteuren visualisieren und in der Vorstellung Strategien entwerfen und umsetzen, um in deren Beziehung mehr Entgegenkommen und innerhalb der Persönlichkeit mehr Harmonie zu schaffen.

  • Das Visualisieren von Symbolen, die mit dem Selbst in Resonanz stehen, zum Beispiel strahlendes Licht, ein Diamant oder eine Quelle, begünstigen die psycho-physische Anpassung an deren Energie und Kraft und aktiviert die entsprechenden Qualitäten von Klarheit, Stärke oder Lebendigkeit im eigenen Sein.

  • Eine sehr beliebte Übung ist die Visualisierung einer Rosenknospe, die sich langsam öffnet, ihre Blütenblätter nach und nach entfaltet und sich schliesslich in voller Pracht und Duftfülle manifestiert. Solche Formen dynamischer Visualisierung evozieren die innere Bereitschaft zu wachsen, sich zu entfalten und mehr vom eigenen Potential zu offenbaren.

  • In der Übung des Idealmodells entwirft man ein Bild von sich selbst, das die ideale Verkörperung der besten Qualitäten und der edelsten Haltung zum Ausdruck bringt, die man sein kann und will. Dabei geht es nicht um eine überzogene Vorstellung mit Superman/-woman-Attributen. Das Bild, das in dieser Übung visualisiert wird, widerspiegelt das Beste der eigenen natürlichen Veranlagungen, verbunden mit einem authentischen Selbstausdruck, in Resonanz mit tief empfundener Sinnhaftigkeit. Diese Technik appelliert an des Menschen Freiheit und Verantwortung, das Leben als eigenes Meisterwerk zu gestalten, und kanalisiert entsprechend die Energien.

Eine Kostprobe

Die folgende Übung stellt die Technik der Visualisierung im Zusammenhang mit dem Idealmodell vor. Diese Übung gibt Ihnen die Möglichkeit, anhand einer Qualität Ihrer Wahl – zum Beispiel Geduld, Freude oder Ausdauer, Liebe oder eine andere – zu erfahren, wie Sie diese Technik nutzen können, um mehr der Mensch zu sein, der Sie wirklich sein wollen.

Visualisierung - das IdealmodellCatherine Brunner Dubey
00:00 / 10:17

Um in den Genuss einer nachhaltigen Entwicklung und Verfeinerung erwünschter Persönlichkeitsaspekte zu kommen, ist es notwendig, eine solche Übung regelmässig und über einen längeren Zeitraum zu wiederholen, am besten zweimal täglich in einem ruhigen Moment und während mindestens 30 Tagen.